Martin Opitz

Ode III (Martin Opitz)

           

        Wol dem der weit von hohen dingen

Den Fuß stellt auff der Einfalt Bahn;

Wer seinen Muth zu hoch wil schwingen /

Der stöst gar leichtlich oben an.

    Ein jeder lobe seinen Sinn /

    Ich liebe meine Schäfferinn.

        Ein hohes Schloß wird von den Schlägen

Deß starcken Donners mehr berührt;

Wer weit wil fellt offt auß den Wegen /

Vnd wird durch seinen Stoltz verführt.

    Ein jeder lobe seinen Sinn /

    Ich libe meine Schäfferinn.

        Auff grosser See sind grosse Wellen /

Viel Klippen / Sturm vnd harter Wind:

Wer klug ist bleibet bey den Quellen /

Die in den grünen Wäldern sind.

    Ein jeder lobe seinen Sinn /

    Ich liebe meine Schäfferinn.

        Hat Phyllis gleich nicht Gold vnd Schätze /

So hat sie doch was mir gefellt:

Wormit ich mein Gemüt' ergetze /

Wird nicht erkaufft vmb Gut vnd Geldt.

    Ein jeder lobe seinen Sinn /

    Ich liebe meine Schäfferinn.

        Man steth bey reicher Leute Pforte

Sehr offt / vnd kömpt doch selten ein:

Bey jhr bedarff es nicht der Worte;

Was jhr ist / ist nicht minder mein.

    Ein jeder lobe seinen Sinn /

    Ich liebe meine Schäfferinn.

        Glentzt sie gleich nicht mit thewren Sachen /

So gläntzt doch jhrer Augen Liecht:

Gar viel muß Hoffart schöne machen /

Jhr schlechter Schein betreugt mich nicht.

    Ein jeder lobe seinen Sinn /

    Ich liebe meine Schäfferinn.

        Ist sie gleich nicht von hohem Stande /

So ist sie dennoch auß der Welt:

Hat sie gleich keinen Sitz im Lande /

Sie selbst ist mir ein weites Feldt.

    Ein jeder lobe seinen Sinn /

    Ich liebe meine Schäfferinn.

        Wer wil mag in die Lüfften fliegen /

Mein Ziel erstreckt sich nicht so weit:

Ich lasse mich an dem begnügen

Was nicht bemüht vnd doch erfrewt /

    Vnd lobe billich meinen Sinn /

    Vnd meine schöne Schäfferinn.

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-15-000361-X
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Philipp Reclam jun.