Christian Hofmann von Hofmannswaldau

Grabschriften (Christian Hofmann von Hofmannswaldau)

   

Der Heyden halber Christ / der Klugen halber Gott /

Der Römer grosser Ruhm / der Käyser gröster Spott.

Ließ hier was irrdisch war / beschliessen diesen Stein /

Der Sinnen Trefligkeit war diese Welt zu klein.

AEsopus.

       

Den ungeschickten Leib bedeckte mein Verstand /

Mein Ruhm lief fliegende durch aller Völcker Land.

Und hab ich Zung und Mund / Lufft / Erd / und See gegeben /

So muß ich billich auch auff allen Zungen leben.

Ciceronis.

   

In diesen kleinen Raum ward Cicero gelegt /

Der das berühmte Rom nach Willen hat bewegt.

Mein Leser scheue nicht das schlechte Grab zu küssen.

Es liegt der Römer Mund zu deinen schlechten Füssen.

Aretins.

   

Hier liegt ein geiler Mann / so der verkehrten Welt

Den Griff der Schlipffrigkeit hat künstlich vorgestellt.

Die Venus daß ihr Sohn den Bogen besser dehne /

Nahm sein verbultes Hertz / und gab es ihm zur Sehne.

Des Ritters Marini.

   

Ich speisete die Welt mit Amber reicher Kost /

Aus meinen Reimen wuchs das Blumwerck geiler Lust.

Hab' ich die Fleischligkeit zu schlipffrig angerühret /

So dencke Venus selbst hat mir die Hand geführet.

Opitzens.

   

Mich hat ein kleiner Ort der deutschen Welt gegeben /

Der wegen meiner wird mit Rom die Wette leben.

Ich suche nicht zu viel / ich bin genug gepriesen /

Daß ich die Venus selbst im Deutschen unterwiesen.

Grabschrifft Henrici IV, Königs in Franckreich.

   

ICh bin durch schimpff und ernst zu meinem reiche kommen /

Ein unerhörter mord hat mir es weggenommen.

Was halff mich / was ich lieb? was halff / was ich gethan?

Nachdem ein messer mehr als eine messe kan.

General Wallensteins.

       

    HIer liegt das grosse haupt / so itzt wird ausgelacht;

    Viel wissen mehr von mir / als ich iemahls gedacht.

Doch wust ich / daß ein stein nicht leicht ein stern kan werden /

Ein stein / wie hoch er steigt / fällt endlich zu der erden.

Mariae Magdalenae.

   

Hie ruht das schöne Haupt / hie ruht die schöne Schoß /

Auß der die Liebligkeit mit reichen Strömen floß.

Nach dem diß zarte Weib verließ den Huren-Orden /

So sind die Engel selbst derselben Buler worden.

Leanders.

   

Die Liebe war mein Licht bey schwartz-gewölckter Nacht /

Das Feuer so ich trug bestritt der Wellen Macht.

Ich fiel in Nereus Reich / es ist mir nicht gelungen /

Es hat die grosse Fluth die grosse Gluth bezwungen.

Eines unwissenden Artztes.

   

Des Todes Lietenant hat sich hieher gesellt /

Nach dem sein Recipe viel hundert hingefällt.

Mich wundert daß der Tod nicht seiner hat verschonet /

Und ihm den treuen Dienst / so er gethan / belohnet.

Eines Pauren.

   

Das Erdreich gab mir Brod / das Brod erhielt mein Leben /

Vor Brod hab ich das Fleisch der Erden hingegeben.

Ich gebe wol zu viel. Das Fleisch kam aus der Erden /

Und muß auch / was es war / in kurtzem wieder werden.

Eines Alchimisten.

   

Ich war ein Alchimist / ich dachte Tag und Stunden /

Auf eine neue Kunst des Todes frey zu seyn /

Diß was ich stets gesucht / das hab ich nicht gefunden /

Und was ich nicht gesucht / das stellt sich selbsten ein.

Eines Lasterhafftigen.

   

Die Leber ist zu Wien / das Glied zu Rom geblieben /

Das Hertz in einer Schlacht / und das Gehirn im Lieben.

Doch daß der Leib nicht gantz verlohren möchte seyn /

So legte man den Rest hier unter diesen Stein.

Eines gehangenen Seyltäntzers.

   

Ich bin in freyer Lufft auf Stricken stets gegangen /

Ich ward in freyer Lufft an einen Strick gehangen.

Mein Leib der nehrte sich mit Stricken und mit Lufft.

Nun bringt mich Lufft und Strick auch endlich in die Grufft.

Eines Mohren.

   

Kein Europaeer sol die schlechte Grabschrifft lesen /

Und lachen daß ich schwartz und nackend bin gewesen.

Ich trug das Mutterkleid / dich kleidet Bock und Kuh /

Du bist mehr Vieh als ich / ich war mehr Mensch als du.

Eines Bastart-Kindes.

   

Wo meine Mutter liegt / da bin ich auch begraben /

Ich wolte nechst bey ihr mein Leichbegräbnüs haben /

Nicht unlieb hett' ich mich zum Vater hinverfügt /

Ich wuste wo er lag / und weiß nicht wo er liegt.

Eines Sclavens.

   

Im Leben war ich Knecht / im Tode bin ich frey /

Es brach des Todes Band die Fessel leicht entzwey;

Die Ketten flecken nicht / ich kante mein Geblüthe /

Ich starb ein Knecht durch Zwang mit nichten von Gemüthe.

Eines Hornträgers.

   

Zwey Hörner liegen hier in dieser Grufft begraben /

Nicht dencket / daß ein Bock hier wird die Ruhstadt haben.

Hier ruht ein guter Mann / der Hörner hat bekommen /

Nach dem ihm die Natur das Stossen hat benommen.

Eines Bettlers.

   

Mein Bette / Tisch / und Stul war dieses weite Rund /

Zwo Sachen plagten mich / der Magen und der Mund.

Ich wünschte nichts so sehr / als bald seyn zu begraben /

Gleich wie ein ander Mann ein eigen Grab zu haben.

Einer Kuplerin.

   

Die Jugend hab ich stets mit Bulen zugebracht /

Als nun das Alter kam und meiner Jugend Nacht /

So war ich Kohlen gleich die junges Holtz entzünden /

Die Asche wird man noch umb diese Gegend finden.

Einer unbeständigen Jungfrauen.

   

    EIn stern der tugenden / die sonne dieser stadt /

Ein engel / wenn man will den nahmen recht erwegen /

    Ein licht / so in der welt mit lust geschienen hat /

Muß sich dem tode nun zu seinen füssen legen.

    Mein leser / liß doch recht / was ich dir kund gethan;

Ich habe viel gesagt / noch aber mehr verschwiegen;

    Wo hier stern / sonne / licht und engel wohnen kan /

So muß der himmel ja in diesem grabe liegen.

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-15-008889-5
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Philipp Reclam jun.