August von Platen

An einen deutschen Fürsten (August von Platen)

(1831)

                   

O Fürst, aus einem Stamm von Weisen,

Den alle mild und edel preisen

    Vereint und laut:

Ist mir's vergönnt, ein Wort zu wagen,

Obwohl ich dich in meinen Tagen

    Von Angesichte nie geschaut?

Zwar werd ich deine Gunst verlieren,

Wofern sie je, dies Haupt zu zieren,

    Mir ward zu teil:

Du neigtest einst dich meinen Scherzen,

Ich bringe jetzt ein Lied der Schmerzen,

    Doch such ich nicht mein eigen Heil.

Ich flehe für das Volk der Leiden,

Das aus der Heimat auszuscheiden

    Gedrängt die Zeit;

Ich flehe für umsonst Ermannte,

Für flüchtige Helden und verbannte

    Um einen Funken Menschlichkeit.

Sie sei'n der Rache nicht verfallen!

Schon ist das Herz im Busen allen

    Genug beschwert,

Ums Vaterland genug bekümmert:

Vom Henker werde nicht zertrümmert

    Ihr edles und berühmtes Schwert!

Wie auch des Gegners Groll sich steigert,

Werd' ihnen kein Asyl verweigert,

    Kein Trost im Schmerz!

Und wo ein Gast sich eingefunden,

Beträufle Balsam seine Wunden,

    Solange schlägt ein deutsches Herz!

Und könnten Fürsten dies verneinen,

So möcht' ein Phalaris erscheinen,

    Von Scham entblößt,

Der die, die seinen Schutz erküren,

Die seine Hölle helfen schüren,

    In ihren eignen Ofen stößt!

Wie mancher wähnt den Feind zersplittert,

Indes die Nemesis umwittert

    Des Siegers Zelt.

Triumphe sind wie Niederlagen,

Wenn ihre Frucht besteht in Klagen,

    Im grenzenlosen Haß der Welt.

Und sei's, und soll die Welt es glauben,

Der Mächtige darf sich kühn erlauben

    Jedwede Tat:

Er wetze hunderttausend Klingen

Und lasse sein Tedeum singen

    Vom Volke, das er niedertrat!

Nur borg' er nicht den Schein des Rechtes,

Er flehe nicht zu Gott für Schlechtes

    Um Schutz und Wehr;

Er trage frei das offne Laster,

Und seine Stirn von Alabaster

    Beflecke keine Röte mehr!

Nur rühm' er nicht sich und erdichte

Ein göttlich Recht! Es ruft Geschichte

    Ihr lautes Nein.

Wie manche, deren Gräber sprechen,

Erlangten Kronen durch Verbrechen!

    Kann ein Verbrechen göttlich sein?

Nur um des Volkes Wunsch zu stillen,

Hat ihn gesalbt mit Widerwillen

    Des Herrn Prophet.

Oh, möchten Fürsten stets empfinden,

Daß Erdentage schnell verschwinden

    Und nur des Namens Ruhm besteht!

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-15-000291-5
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Philipp Reclam jun.